Freitag, 29. Juni 2007

Ein altes Erlebnis

In der Stadt laufe ein Irrer umher, erzählte man sich und mir kam nichts anderes als "was für ein Unsinn" in den Sinn. Überall liegt jetzt dieser Geruch und schwebt dieses Omen der Angst, der Schweiß der Besinnungslosen, umher. Ich bin nur ein Gast in dieser Stadt und den gefürchteten Fremden lernte ich ebenso gern kennen, wie den wohl bekannten Heimischen.
Im Zug hierher schaute ich vielen schönen Mädchen in die Augen, einige von ihnen schauten in meine, andere aus dem Fenster. Ich weiß nicht, welche dieser beiden Möglichkeiten ich als angenehmer und nachvollziehbarer einstufen sollte. Was hätte ich verpassen können, während ich aus dem Fenster schaute? Ein Versprechen niemals.
Vor zwei Jahren war ein hübsches blondes Mädchen auf derselben Wiese mit mir und vielen anderen. Sie war größer als ich, ihr Haar war durch Haarlack chaotisch aufeinander gelegt worden und sah daher matt aus, ihr Gesicht wurde dadurch allerdings noch schmaler und die Augen noch umfangreicher. Der Abend war bisher ausnahmslos ernüchternd verlaufen, ich sprach mit Unbekannten und ihre Geschichten waren weder interessant, noch ähnelten sie meinen. Also ging ich zu einem etwas abgelegen Anhänger und nahm mir eine Flasche Whiskey. Das war Diebstahl, denn ich hatte nicht einmal Eintritt bezahlt. Als ich zurück zur Menge gehen wollte, war ich betrunken und mir kam das eben beschriebene Mädchen entgegen. Im übrigen war ich noch damit beschäftigt mir mein Shirt wieder anzuziehen, da ich es unbeobachtet hinter dem Anhänger stehend ausgezogen hatte. Es war ein warmer Sommerabend. Ich weiß nicht mehr, wie wir ins Gespräch kamen, ob sie mich oder ich sie ansprach, nicht einmal, ob wir überhaupt miteinander sprachen, bevor wir anfingen uns zu küssen.Vor dem Anhänger wurde es ihr allerdings schnell zu licht und daher bewegten wir uns erst zurück zu meinem vorherigen Platz, dann hinter einen hinter dem Anhänger stehenden Trecker. Wir befanden uns am Waldrand. Mein Shirt zog sie mir wieder aus, genau wie ich ihres. Wir fassten uns an, küssten uns und unsere Hände berührten schliesslich die Genitalien des anderen, ohne die Hose des anderen auszuziehen. Unsere Hände quetschten sich zwischen der leicht geöffneten Hose und dem Körper des anderen hindurch, das Ganze stehend. Worauf es für uns beide hinauslief, war mir klar, bis sie fragte: "Soll ich dir meine Telefonnummer geben und wir treffen uns morgen wieder, denn die Leute mit denen ich hier bin, wollen gleich fahren." Ich hörte mich "das ist mir egal" sagen. "Das ist dir egal, Fountain?" Jetzt fiel mir auf, dass sie meinen Namen kannte. Sollte ich etwa auch ihren wissen müssen? Sie nahm ihre Sachen, zog sich an und ging. Ich tat dasselbe und ging einen Meter hinter ihr zurück zur Menge.
Ich setzte mich an einen Lagerfeuerkreis und bemerkte, dass mir kalt gewesen war. Nach einiger Zeit, setzte sie sich mir gegenüber in den Kreis, sodass in der Mitte unserer Blicke die Flammen leuchteten. Sie waren so hell, ich konnte sie kaum erkennen und hätte ich sie zuvor nicht kennengelernt, hätte ich ihr Gesicht wahrscheinlich nicht einmal in Ansatz erkennen können, keinen Blitz ihrer Augen erahnen können.
Diese Blitze durchzucken mich nach zwei Jahren noch. Heisst das, dass mir ihre Frage nicht egal war? Leider nein. Meine Antwort war ehrlich und richtig, nur Willkür und Sehnsucht sind hinterhältig, oft gar rachsüchtig. Vor ein paar Monaten sah ich sie einer Cafeteria wieder. Wir lächelten uns an und sagten "Hi", mehr nicht, es hätte auch keinen Sinn gehabt. Ich schätze, ich könnte jederzeit ihre Adresse in Erfahrung bringen, mich in den Zug setzen und sie besuchen. Aber schon die Zugfahrt raubte mir alles wieder. Ich höre nur und sehe. Handeln ist das nicht.

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