Mittwoch, 5. September 2007

Ausschnitt aus einer längeren Erzählung

Ich erinnerte mich an die Zeit zurück, in der ich dachte, dass sich vieles vor mir verschlösse und es dauerte einige Tage oder Wochen, bis mir klar wurde, welche Macht diese Riegel und Schlösser beinhalteten. In den ersten sparsamen Nächten in Wüsten, Oasen, an Stränden und ertrinkend am Meer spürte ich, wie sich von Stunde zu Stunde eine neue Geräumigkeit in mir entlud und sich gewaltvoll Platz zu schaffen suchte, um mich durch das Wundern über den hierbei entstehenden Schmerz rastlos zu machen und nervös zu durchwinden. Das stürmende Meer verschlug mich nach wenigen Tagen ebenso, wie der schluckende Treibsand der Wüsten und Strände. In den ersten Wochen blieben Bilder bei mir, nachdem sie mich zielgerichtet angestarrt hatten und eindrangen, doch es schien dann, als vermenge sich jeder Schatten, jeder Lichteinfall und jede Farbe dieser anfangs noch voneinander unterscheidbaren Eindrücke zu einem Einzigen, das das Spezielle mit Allgemeinem vermummte, und zwar so lange bis es die eigenen Augen zu verbergen begann und schließlich kein Stern und überhaupt nichts mehr zu sehen war.
Doch das alles war ja neu! Also konnte ich formen und zusammenstellen, eine Reihenfolge entwerfen und miteinander verknoten, was ich meinte zu kennen, was überhaupt das Großartigste ist: zu kennen meinen! Wie gut es sich damit leben ließe und wie gut erst zu zweit, wenn sich darin beide gleich wären.
So wurde alles gleich und gleich wurden auch Zustände, denn sie waren und sind zu wirklich in ihrem Auf und noch wirklicher in ihrem Abgehen. Was ich lernen musste, um mich im Stillstand bewegen zu können, war das Aufnehmen des Unwirklichen, doch diese Lektion war mir eine leichte nach der vorangegangenen. Vielleicht war diese zweite Lektion nur das Ergebnis der ersten und die erste Einsicht war keine ohne die zweite. Alles ist wirklich, nur oft weder greifbar noch erbauend.
Überhaupt ist das wirklich Wirkliche zwar stets teilweise greifbar, doch nur unsagbar selten modellierbar. Es lässt sich fassen, einverstanden. Nur wie kalt sind diese Steine und schwer, wenn sie groß sind! Und wie wenig errichtend und standhaft, wenn sie klein sind! Ich baue nicht auf Kieselsteinen und trage keine kalten und vor Erschöpfung mich ins Bewusstlose ringende Brocken mehr. Ich musste nur das Gegebene ablehnen, mir selbst eingestehen, dass das von Beginn an Vorhandene zwar bekannt und sichtbar ist, es ihm allerdings an Potenzial fehlt. Nur die Besitzlosigkeit bot jene Macht, die ich suchte. Nein, nicht die Besitzlosigkeit, dies Wort könnte mich in Widersprüche verwickeln. Viel eher ist es die Leere, die man besitzen muss, um das Fiktive potenzieren zu können und die Reihenfolgen und Abläufe komplexer werden zu lassen. Ich fing damit an, anzunehmen, dass gewisse Stühle einer Kneipe mich dazu einluden, mich auf sie zu setzen, um zu warten, bis etwas geschehen sollte. Ich konnte im Laufe eines Abends immer ein paar Worte loswerden und begann den Stühlen zu vertrauen. Vom toten Ding ging ich über aufs Lebendige. Mein Glaube an das Absurde und die Unwahrheit stopfte Fremden sein Wesen ins Maul und ich konnte solange nicht enttäuscht werden, wie diese Fremden ihre Mäuler nicht selbstständig und vor allem mir gegenüber nicht öffneten. Was dadurch entstand waren keine Bilder, denn ihre Inhalte kamen aus mir und sie hatten mich nicht zielgerichtet angestarrt, sondern ich starrte und schuf. Wie beruhigend die Perfektion dieser Technik war und noch ist, welche im Grunde nur darin besteht, die Mäuler alles Lebendigen zu stopfen, ist unvorstellbar. Nur gehört vielleicht eine geringe Neigung dazu.
Die Essenz dieser Idee der Gleichgültigkeit ist jetzt, nachdem ich ihre Schöpfung chronologisch dargelegt habe, leicht und in wenigen Worten zusammengefasst. Das Unwirkliche muss als wirklich anerkannt werden. Das Unwirkliche muss auf Wirkliches projiziert werden. Die Projektion als Ganzes wiederum muss als etwas Greifbares behandelt werden, ohne jemals nach ihr greifen zu wollen.

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